Problemfelder des organisatorischen Wachstums der Modellschule


Kritische Reflexionen von Klaus Scala im Modellschulbuch (1990)

„Zu dieser quantitativen Belastung kommt jedoch eine qualitative hinzu, die noch viel schwerer ins Gewicht fallt. Die basisdemokratische Organisationsstruktur ist in zunehmendem Maße problematisch, das vertraute Klima, wo jeder jeden kennt und alles über persönlichen Kontakt funktioniert, ist nicht mehr gegeben. Ist die Identität der Modellschule bedroht?

Zur Zeit sind eine Reihe von Maßnahmen und Reaktionsweisen zu beobachten, konstruktive wie destruktive, denen jedoch allen in Manko anhaftet: Die Frage der Identität wird (noch) nicht in Zusammenhang mit der Organisation gesehen: daß die Modellschule sich in eine Institution verwandeln könnte, die sie gerade zu überwinden ausgezogen ist, wird vielleicht dumpf gefühlt aber nicht ausgesprochen. Der absolute Widerspruch zwischen den oben genannten Organisationsprinzipien von Gruppe und Hierarchie zieht in die Modellschule ein, ohne daß sie auf derlei Widersprüche eingestellt ist. Hier schlägt die Starre des Systems Schule noch einmal zu Buche: Das Regelschulsystem versucht sich des Widerspruchs dadurch zu entledigen, indem es eindeutig den Prinzipien der Hierarchie Vorrang einräumt – aus Gründen die wir schon eingangs erwähnt haben. Daran kann auch alles Unbehagen in der Öffentlichkeit nichts ändern.

Die Modellschule hat sich, wie wir an „Originalzitaten“ erleben konnten, sozusagen auf die andere Seite geschlagen: zur heimeligen Gruppe. Diese kann aber nur solange funktionieren, als es eine Gruppe bleibt und dieser Rahmen ist bereits gesprengt. So steht die Modellschule vor einer entscheidenden Herausforderung: Wird es gelingen, die notwendigen Elemente einer größeren Organisation in sich aufzunehmen, ohne daß Wertvolles verloren geht? Was muß aufgegeben werden? Was soll erhalten bleiben? Was darf auf keinen Fall passieren? Kann sich die Schule so verändern, daß mehrere einander widersprechende Wahrheiten nebeneinander existieren können? Welche Bereicherungen kann man sich dadurch erhoffen? Probleme, auf die noch niemand eine Antwort weiß, jetzt werden erst langsam die Fragen entdeckt und formuliert.
[…]


So führt die zunehmende Fremdheit innerhalb der Modellschule, vor allem ausgelöst durch das rasche Wachsen der Mitgliederzahl dazu, sich nach außen stärker abzugrenzen. Das Fremde wurde nach außen projeziert und dort identifiziert – unbewußt und ohne Absicht. Insbesondere auf die Neuinteressenten richtete sich das Mißtrauen. Hatte man früher die durch den starken Zulauf notwendige Auswahl der Schüler für die jeweils kommende erste Klasse aufgrund des Anmeldedatums nach dem Prinzip wer zuerst kommt, malt zuerst“ getroffen, so wandte man plötzlich viel Zeit und Energie auf, ein „hartes“ Ausleseverfahren mit Gesinnungsüberprüfung der Eltern zu verordnen, sie sollten gleichsam einen Iniationsritus durchmachen müssen, damit die Gruppenzugehörigkeit rituell befestigtwerde. Nach langen Mühen und ohne befriedigendes Ergebnis ließ man die Elternüberprüfung wieder fallen.

Aber auch nach innen hin waren Abgrenzungstendenzen und Polarisierungen zu beobachten. So wurde das Plenum, die Versammlung aller Vereinsmitglieder, kaum mehr einberufen und die Eltern trafen sich meist nur mehr beim Elternabend der einzelnen Klassen. Sicherlich hatte das Plenum als Beratungs- und Entscheidungsorgan für die schon recht komplex gewordenen Probleme ausgedient, doch führte das Einschlafen der Plenarveranstaltungen zu einem Identifikationsverlust mit der Gesamtorganisation, die Eltern hatten keinen erlebbaren Bezug mehr dazu, die Schule als Treffpunkt für alle war weg. Dadurch polarisierte sich die Elterngruppe immer mehr in einige wenige Aktivisten, die jetzt meist als Vereinsfunktionäre mit dem angewachsenen Betrieb überlastet sind, und viele die sich zurückgezogen haben, nicht zuletzt, Platz weil es immer schwieriger wird, sich hier einen sinnvollen zu suchen und ihn auch zu finden. Diese Polarisierung macht den nach wie vor gültigen Anspruch auf die Mitarbeit aller Eltern immer problematischer und fordert zu einem Überdenken heraus. Dennoch beharren manche auf diesem Prinzip, wie mir scheint mehr aus dem Bedürfnis, sich von der Masse abzugrenzen als aus sachlichen Gründen. Neben diesen Tendenzen, die Kleingruppenatmosphäre irgendwie aufrecht zu erhalten, sei es durch nach außen hin oder durch interne Cliquenbildungen, war jedoch der Wunsch nach Einheit und damit verbunden die Weigerung, vorhandene Unterschiedeanzuerkennen und auch organisatorisch umzusetzen, spürbar. Diese Paradoxie von Polarisierung von Gruppierungen bei gleichzeitiger Harmonisierungstendenz wird aus dem Wunsch nach Zusammengehörigkeit verständlich.

In einer Organisation dieser Größenordnung gibt es zwangsläufig Menschen mit mehr oder weniger Einfluß, manche sitzen in Entscheidungsgremien und fassen Beschlüsse,
viele sitzen nicht in Gremien und über sie wird entschieden. Diese Differenzierung hat sich zwar de facto durchgesetzt, ist aber „ideologisch“ noch nicht verdaut. Der Anspruch der Basisdemokratie weiß mit der nun entstandenen Realität noch wenig anzufangen, bisweilen wird eher moralisierend mangelnde demokratische Praxis beklagt.

Eine klare Differenzierung der Eltern und Lehrer und ihrer unterschiedlichen Zuständigkeiten steht noch aus. Formell sind sie alle Vereinsmitglieder mit gleichen Rechten und Pflichten. De facto hat sich vor allem auch durch den starken Einfuß der Lehrergruppe ein Zustand entwickelt, in dem die Lehrer das pädagogische Geschehen bestimmen und durchführen, die Verwaltung der Schule (Sekretariat, Behördenkontakte,Küche, Raumpflege, Hausverwaltung, Finanzen etc.) fällt mehr dem ehrenamtlich arbeitenden Vereinsvorstand zu, dem nur Eltern angehören, die überwiegende Mehrheit der Eltern ist zahlender Klient, einige arbeiten noch in diversen Ausschüssen mit. Diese Situation ist aber weder eine geplante oder intendierte noch wirklich befriedigend. Sie bedarf einer Weiterentwicklung, die vor allem den Unterschied zwischen den an der Schule Arbeitenden (Lehrer und Personal) und den Klienten (Schüler und Eltern) entsprechend berücksichtigt. Die Frage, ob es sinnvoll ist, daß beide Gruppen gemeinsam den Träger bilden, wie es derzeit der Fall ist, muß erst ausdiskutiert werden, im Augenblick ist diese Frage für die Schule noch keine, die alte Einheit gilt als selbstverständlich. Die abwehrende Haltung, Unterschiede zu setzen, wird zunehmend auch in ihren negativen Auswirkungen gespürt und insbesonders die Ihrer haben den Wunsch nach mehr Differenzierung artikuliert. So wollen sie auch unter sich Qualifikationsmaßstäbe für den Lehrberuf an der Modellschule diskutieren, was sicher die Lernmöglichkeiten besonders der jüngeren Lehrer sehr fördern und zudem die Wahl von neu anzustellenden Lehrern auf eine gefestigtere Basis stellen würde.

Bis jetzt fehlt ein klares Anforderungsprofil für einen ‚guten“ Lehrer an dieser Schule und die Lehrerwahl hat so immer wieder zu Schwierigkeiten geführt. Ebenso hat die Lehrergruppe in der letzten Zeit die interne Arbeitsteilung ausgebaut: Schulleitung, Schulbücher, Lehrerbibliothek, Schulzeitung, EDV, Offentlichkeitsarbeit etc. werden nicht nur irgendwie verteilt, sondern mit Rücksicht auf die Fähigkeiten und Interessen der einzelnen.

Auch außerhalb der Lehrergruppe versucht man, die Probleme aufzugreifen:
So wurde ein Ausschuß gegründet, der sich nach einiger Zeit eingespielter Routine wieder den grundsätzlichen pädagogischen Zielen widmet, ein anderer Ausschuß soll sich mit der Organisationsreform selbst beschäftigen. Ein dritter kümmert sich um die Finanzen und versucht Grundlinien eines Budgets zu erarbeiten. Auch zur Behebung der unbefriedigenden Raumsituation hat sich eine Gruppe gebildet. Zu den Ausschüssen kann sich jedes Mitglied melden, sie haben einen begrenzten Auftrag und sollen
möglichst gemischt aus Lehrern und Eltern zusammengesetzt sein. Hier besteht die Möglichkeit, Fachleute aus dem Elternkreis zu rekrutieren, z.B. einen Betriebswirt für den Finanzausschuß, einen Juristen für die Überarbeitung der Statuten etc. Es hat sich eine Form der Elternmitarbeit herausgebildet, die von der Anzahl der Eltern und den viclfältigen Resourcen sogar profitiert.


Doch muß dieser Boom an Ausschüssen auch kritisch betrachtet werden: Hier kann sich der Trend „zurück zur Kleingruppe“ voll entfalten. Hinter diesem legitimen Bedürfnis steckt jedoch auch die Tendenz zur Problemdelegation: für jedes auftauchende Problem wird ein Ausschuß gegründet. Damit wird die Gesamtsituation unübersichtlicher, das Kuratorium, das zentrale Gremium, entscheidungsunfähiger. Plötzlich findet es sich inmitten einer Reihe von Nebenregierungen. Auch an dieser Entwicklung kündigt sich eine gründlichere Umstrukturierung an. Was bei allen diesen eher spontanen Aktivitäten noch aussteht, ist eine institutionalisierte Reflexion des Prozesses, den alle Betciligten durchmachen. Die Lehrergruppe bekommt eine Größe, die selbst schon den Rahmen einer Kleingruppe sprengt. Die Rolle der Eltern ist einem bedeutenden Wandel ausgesetzt: Ihr pädagogischer Einfluß ist von Jahr zu Jahr geschrumpft, in dem Maße, in dem sich die Kooperation der Lehrer entwickelt hat. Außerdem sind Eltern von 120 Kindern schlichtweg überfordert und wahrscheinlich gar nicht so interessiert, unter sich eine pädagogische Linie zu erarbeiten. Mit dem Älterwerden der Schüler und deren Ablösung vom Elternhaus ist ein weiterer Bedeutungsverlust der Eltern gegeben. So bleiben die wenigen Funktionäre und Aktivisten für die permanent steigenden Verwaltungsaufgaben übrig: Können und wollen sie das auf Dauer leisten? Die nahe Zukunft wird zu allen diesen Fragen und Problemen entscheidende Weichenstellungen setzen.

Klaus Scala (2) – 1990

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