Gelesen | Gehört


Pichler, Anita. Die Frauen aus Fanis : Geschichten aus der Sagenwelt der Dolomiten. eBook, 1. Aufl., 2014.

„Geschichten von der Zeit vor der Zeit“

„Es sind Geschichten von der Zeit vor der Zeit und von einem Ort vor dem Ort, den sie benennen. Sie erzählen das Immergleiche, was alle Geschichten erzählen: Sie erzählen vom Werden und Vergehen, von Erde, Wasser, Wind und Feuer. Sie erzählen von der Materie, der Urmutter Tanna; von Samblana und Kelina, die über das Werden und den Verlust der Formen des Lebens entscheiden; sie erzählen von den Elementen: von Dindia, dem Wind, dem Spiel der Verfolgung, von Sexualität und Macht. Sie erzählen vom Umgang mit den Elementen, der Kultur, von Somawida, die Feuer ist, Erz. Sie erzählen von Tsikuta, der Wahrnehmung der Zeit, der Geschichte; sie erzählen von der Gründung eines Reiches, von Kämpfen, Siegen und Niederlagen und von der Auflösung, vom Vergessen und Verschwinden dieser Wirklichkeit. Am Ende steht bloß noch ein Sonnenstrahl, Sorejina, die Zeit nach der Zeit, ein Beginn.“

Anita Pichler. Aus dem Vorwort.

Gudarzi, Amir, et al. Das Ende ist nah : Roman. 2023.

„Ich wollte ein Buch schreiben, um den Toten eine zweite Chance zu geben.“

Solange ich über sie schreibe…

„Etwas in mir ist so kaputt, dass es sich nicht wieder richten lässt. Diese tiefe Traurigkeit, diese Angst, diese Demütigungen wird mein Körper nicht vergessen können. Ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder in der Lage zu sein, das Leben, ein Gespräch, ein gutes Essen zu genießen. Und kann ich den Hunger vergessen? Die Einsamkeit?“

„Ich schreibe Worten eine magische Kraft zu. Ich glaube, Literatur kann wie ein kleines Armageddon Tote ins Leben zurückführen. Literatur kann die Posaune spielen, deren Klang als Zeichen des Armageddon gilt. So wachen die Toten auf und haben wieder die Freiheit lebendiger Menschen, das zu tun, was sie vorhatten, wodurch sie den Lauf der Geschichte verändern können. Dieses Buch habe ich geschrieben, um den Toten eine zweite Chance zu geben. Ich muss mich nicht aus Angst vor ihnen abschirmen. Ich lebe mit ihnen. Sie kehren jede Nacht zurück, um ihre Rechte zu fordern. Deshalb will ich ihnen zumindest einen Teil davon in der Literatur zurückgeben.“

„Aber Sarahs Tod ändert alles. Ich muss nun versuchen, zuerst sie und dann erst die anderen wiederzubeleben. Solange ich über sie schreibe, kann sie zurückkehren und sich frei im Leben bewegen, kann sich rächen oder etwas wiedergutmachen, kann etwas erklären oder selber erst verstehen – kann tun und lassen, sagen und denken, was sie eben möchte. Mein Schreiben ist wie das Öl in der Lampe, das das Licht am Leben erhält. Mein Schreiben erhält Sarah am Leben.“

Śegev, Tom, and Ruth Achlama. Jerusalem Ecke Berlin : Erinnerungen. 1. Auflage, 2022.

Vom Umgang mit der (gemeinsamen?) Vergangenheit in Palästina / Israel

„Ich fühle mich zumindest für einen Teil der palästinensischen Tragödie mitverantwortlich. Es gibt kaum einen Staat auf der Welt, der kein einziges düsteres Kapitel in seiner Geschichte aufzuweisen hat. Ich interessiere mich sehr dafür, wie andere Länder mit ihrer Vergangenheit umgehen und ihre Lehren daraus ziehen. Westdeutschland hat seine Vergangenheit ziemlich gut aufgearbeitet, Israel noch nicht. Das bedaure ich. Zum Glück habe ich nie in einem Krieg mitkämpfen müssen, doch mit den Jahren beschlich mich das Gefühl, in einer Sackgasse gelandet zu sein. Ich glaube, den Identitätskonflikt, um den es im Streit um das Land vor allem geht, zu erfassen, stehe ihm aber praktisch hilflos gegenüber. Insgeheim wagte ich manchmal den Gedanken, dass die Palästinenser und wir vielleicht noch nicht genug gelitten haben und nur eine tektonische Katastrophe biblischen Ausmaßes den Ausschlag geben kann. Dabei tröste ich mich damit, dass meine Vorhersagen sich noch nie bewahrheitet haben. Manchmal war ich sehr optimistisch. In meiner Skepsis muss ich zugeben, dass auch mein Pessimismus vielleicht verfehlt ist.“

Eigenartig aktuell…

Segev kann erzählen, Geschichten und Geschichte. Ein unaufgeregt spannendes Buch für jemanden, dem die jüngere Vergangenheit am Herzen liegt, die so vergangen noch nicht ist. Und angesichts der Ereignisse am 7.10.2023 und des darauf folgenden Kriegs eigenartige Aktualität gewinnt.

Vielfach verflochten sind Jerusalem und Berlin (samt Österreich) in dieser Geschichte von Flucht und Immigration, die am Ende doch ein kritisches Ankommen in Israel ist. Viele bekannte Personen hat Segev als Journalist interviewt oder hatte mit ihnen engeren Kontakt: Ben Gurion, Teddy Kolleg, Menachem Begin, Bruno Kreisky, Helmut Schmidt, Hannah Arendt, Heinrich Blücher, Martin Buber, Jassir Arafat, Günter Grass, Gabriel Stern und viele andere.

Eingestreut Reflexionen über Historiographie und die Unzuverlässigkeit der Überlieferungen:

„Der erste Brief, den meine Mutter nach der Ankunft verfasste, ist voller farbiger Schilderungen und Eindrücke, als stamme er von einer Journalistin, aber die Geschichte mit den Fliegen enthält er nicht. Hatte sie sie nachträglich erfunden ? Ich höre in meinem Innern eine klassische Debatte zwischen zwei Historikern. Schreibe nichts, was du nicht urkundlich belegen kannst, sagt der eine, und sein Kollege erwidert: Stimmt denn alles, was in den Urkunden steht ? Gibt es keine Irrtümer ? Täuschungen ? Widersprüche ? Verzerrungen ? Auslassungen ?“

Schöner Schlusspunkt: Die Geschichte der Vaterwerdung in der Beziehung zum äthiopischen Jungen Itayu, der Segev schließlich eine Familie samt „Enkelkindern“ schenkt.

Illies, Florian, et al. Liebe in Zeiten des Hasses : Chronik eines Gefühls 1929-1939. 2021. (Hörbuch Argon-Verlag)

Lehner, Martina: Georg Christoph Fernbergers Fahrt auf den Sinai, ins Heilige Land, nach Babylon, Persien und Indien (1588-1593). Eine Kulturgeschichte des Reisens. Wien, Bozen: Folio 2008.

Sturm im Mittelmeer…

Ohne Segel war das Schiff manövrierunfähig geworden. In der hohen See stampfte und rollte es zwischen Wellenkämmen und -tälern, klein und verloren wie eine Nußschale. Inzwischen war die Nacht hereingebrochen, und in der Dunkelheit, die nur ab und an durch Blitze grell erleuchtet wurde, erschien die Lage noch düsterer und aussichtsloser als zuvor. In den Reihen der Matrosen griff Unmut um sich, Befehle des Kapitäns wurden ignoriert, und den Passagieren wurde angst und bang, als sie sahen, daß nicht nur den Seeleuten der Mut abhanden gekommen war, sondern auch dem Patron.

Als das hinterher geschleppte Beiboot dann noch voll Wasser lief, versank und durch sein Gewicht das Heck des Schiffes in die Tiefe zu ziehen drohte, hatten die meisten an Bord ohnehin bereits mit ihrem Leben abgeschlossen:

„Die Türken und Araber schrien, da die Situation so aussichtslos war, in lautem Wehklagen und Weinen durcheinander, wenige täuschten in ihrer Miene Hoffnung vor und unterdrückten die Sorge im Herzen. Manche opferten Zwieback, Geld, lebende Hühner und anderes und versuchten vergeblich das erzürnte Meer zu beruhigen, andere verlangten von uns Erde und Holz aus dem Heiligen Land… Der Kapitän des Schiffes selbst versuchte mit dem gezückten Schwert die dichten und finsteren Wolken, zwischen denen wiederum der gesamte Himmel unter den zuckenden Blitzen hervorleuchtete, zu zerschneiden und zerteilen. … Wir fanden in dieser gefährlichen Situation keine andere Zuflucht, als mit inbrünstigem Gebet die Gnade unseres allmächtigen Gottes aufs demütigste anzuflehen, und gelobten für die Zukunft eine bessere Lebensführung.“

Da sich die Moslems an Bord ebenso inständig an Mohammed wandten, schien der Himmel schließlich ein Einsehen zu haben: Die Verbindung zwischen Beiboot und Schiff löste sich plötzlich, und während das eine in der Tiefe versank, richtete sich das andere wieder in eine stabile Position auf.

Christoph Carl Fernberger: In sieben Jahren um die Welt. Die Abenteuer des ersten österreichischen Weltreisenden (1621-1628). Wien, Bozen: Folio 2008.

Kempe, Michael, et al. Die beste aller möglichen Welten : Gottfried Wilhelm Leibniz in seiner Zeit. Originalausgabe, 2022. Ungekürztes Hörbuch Erscheinungsdatum: 13.05.2022 Sprache: Deutsch Anbieter: Argon Verlag

Sarid, Yishai: Schwachstellen. ‎2023.

Kehlmann, Daniel, et al. Lichtspiel : Roman. Originalausgabe, 2023. Ungekürztes Hörbuch Erscheinungsdatum: 10.10.2023 Sprache: Deutsch Anbieter: Argon Verlag

Schümer, Dirk, et al. Die schwarze Lilie : Roman. 1. Auflage, 2023.

Schümer, Dirk, et al. Die schwarze Rose : Roman. 2022.

Gruber, Sabine, et al. Die Dauer der Liebe : Roman. 2023.

Liebe und Liebesunglück

„Der liebende Blick ist nicht blind, er nimmt den von der Zeit veränderten Körper wahr, aber in dem, was der andere geworden war, entdeckt er noch die Schönheit der ersten Jahre, leuchtet etwas auf, das nur zu sehen imstande ist, wer einander seit langem kennt.“

„Alles Liebesunglück, war Renata damals überzeugt gewesen, rühre daher, daß einer mehr und der andere weniger liebt, daß einer will und der andere nicht, daß sich keine Gleichzeitigkeit, keine Anerkennung des jeweils anderen einstellt.“

„Am Abend steht Renata im Bad, sieht auf das Zahnputzglas, steht vor der Schlafzimmertür, sieht auf die Klinke. Jedesmal muß sie daran denken, daß Konrads Spuren verschwinden werden, daß sie durch ihre eigenen Hände, welche dieselben Gegenstände berühren, all seine Fingerabdrücke verwischt.“

Tucholsky, et al. Ein Pyrenäenbuch. 1927. Ungekürztes Hörbuch Erscheinungsdatum: 30.07.2021 Sprache: Deutsch Anbieter: Bäng Management & Verlags GmbH & Co. KG

Da Empoli, Giuliano, et al. Der Magier im Kreml : Roman. 2023. Ungekürztes Hörbuch Erscheinungsdatum: 23.03.2023 Sprache: Deutsch Anbieter: BONNEVOICE Hörbuchverlag

Zweig, Stefan. Die Welt von Gestern : Erinnerungen eines Europäers. 2013. Ungekürztes Hörbuch Erscheinungsdatum: 04.10.2013 Sprache: Deutsch Anbieter: MONO Verlag

Bulgakov, Michail, et al. Meister und Margarita : Roman. 2021.

Prophetisch, der Meister…

„Mein Globus ist viel praktischer, zumal ich die Ereignisse genau kennen muss. Sehen Sie zum Beispiel dieses Stück Land, auf der einen Seite vom Ozean umspült? Schauen Sie: Es füllt sich mit Feuer. Dort hat ein Krieg begonnen. Wenn Sie näherkommen, sehen Sie auch die Details.« Margarita neigte sich zu dem Globus und sah, wie ein Stück Erde sich ausbreitete und in eine bunte Reliefkarte verwandelte. Dann sah sie auch das Band eines Flusses und ein Dorf daneben. Sie sah ein Häuschen, erst nur so groß wie eine Erbse, dann wie eine Streichholzschachtel. Plötzlich und lautlos flog sein Dach in einer schwarzen Rauchwolke hoch, und die Wände brachen zusammen. Schon blieb von der zweistöckigen Schachtel nur ein Krümelhäufchen inmitten schwarzer Rauchschwaden. Margaritas Auge kam noch näher heran und sah eine Frauenfigur auf dem Boden liegen, und daneben, in einer Blutlache, die Arme und Beine von sich geworfen, ein kleines Kind.“

Wulf, Andrea, and Andreas Wirthensohn. Fabelhafte Rebellen : die frühen Romantiker und die Erfindung des Ich. 1. Auflage, 2022. (Hörbuch Der Hörverlag 2022)

Belim, Victoria, et al. Rote Sirenen : Geschichte meiner ukrainischen Familie. 1. Auflage, 2023.

„Ruschnik“ der Erinnerungen

„Dann breitete Pani Olga ein kleines, schwarz besticktes Handtuch aus. »Wenn die Menschen eine schwierige Zeit durchmachten oder Zweifel hatten, die sie nicht loswerden konnten, stickten sie ihre Gefühle auf ein Stück Stoff und knoteten solch einen Ruschnik an einen Baum.« Jedes Tuch in den Händen meiner Freundin wurde zu einem Zeugen von Zielen, Träumen und Ängsten. Sie las die mottenzerfressenen Stoffe wie Bücher und entschlüsselte Botschaften und Stimmungen anhand der Muster und Farben. »Wie sticke ich ›Familienzusammenhalt, Freudentaumel und Rückkehr‹ auf ein Handtuch?«, fragte ich.“

„Im Auto kam mir der Gedanke, dass an Orten, wo Männer in den Krieg ziehen müssen, Frauen die Rolle von Erinnerungshüterinnen einnehmen. Während Asja meine Informationsquelle war, schien Sergijs Geschichte unerreichbar. Auch Valentina besaß einen Schlüssel zu unserem Familienarchiv. Die Ukrainer lobten ihre Frauen für ihre Widerstandskraft und ihre Stärke, aber ich verstand jetzt, dass sie außerdem eine wichtige Rolle bei der Bewahrung der ukrainischen Geschichte spielten.

„Ich habe immer schon gedacht, dass Verlogenheit eine der zerstörerischsten Folgen des sowjetischen Systems war. Jeder sagte das eine und dachte etwas anderes. Es war die vernünftigste Art, sich zu verhalten, wenn man überleben wollte. Die Verlogenheit war allgegenwärtig. Auf der Speisekarte der Kantine stand Suppe mit Fleisch, das es, wie jeder wusste, nicht gab. Sie war in den Zeitungen zu erkennen, die verkündeten, dass es im Kernkraftwerk Tschernobyl keinen Unfall gegeben hätte. Man konnte sie in den Parolen, Schildern und Demonstrationen sehen. »Wir haben so getan, als würden wir arbeiten, und sie haben so getan, als würden sie uns bezahlen«, hieß es in einem Witz aus den 1980er Jahren. Das sowjetische Leben war durchsetzt mit solchen Vortäuschungen, großen und kleinen.“

Zeh, Juli, and Manfred Gortz. Schilf : Roman. 1. Aufl., 2009. (Hörbuch Der Audio Verlag)

Zeh, Juli, et al. Zwischen Welten. Vollständige Lesung, 2023.

Edelbauer, Raphaela. Die Inkommensurablen : Roman. 2023.

„Wir sind beide Teil einer untergehenden Welt“…

„»Aber hör mal! Nichts habe ich weniger gemeint! Wir drei haben eine Nacht als Gleiche verbracht, Hans, und ich verstehe, dass du in uns allen eine Verwandtschaft entdeckt hast. Aber du verkennst etwas.« Er richtete den Zeigefinger gegen seine Brust. »Wir beide sind Teil einer untergehenden Welt, während Klara das ist, was bleiben wird.« Er schlug Hans auf die Schulter, wie um diese Entmutigung auszugleichen. »Merkst du das denn nicht? Sie hat eine Kraftreserve, die durch keinen Wechselfall, durch kein Unglück der Welt aufgebraucht werden kann. Wir beide und alle großen Männer, die jetzt pompös auf den Straßen paradieren, werden am Fortschritt vorbeisterben.« »Woher willst du wissen, dass ich sterben werde?«, fragte Hans lauter, als er es beabsichtigt hatte. Adam mochte paradiert haben – er selbst hingegen hatte gestern überhaupt erst zu leben begonnen. »Ach, so meine ich das nicht. Selbst wenn wir steinalt werden, Hans, schaffen wir es nicht ins 20. Jahrhundert. Selbst wenn wir hundert Kinder zeugen, sterben wir lange davor – wir sterben ideell.« »Was soll auch das heißen?« »Wir, die jungen, selbstbewussten Männer, die in Mark und Bein aus Kaiser und Vaterland bestehen, blasen uns durch diesen Krieg selbst den Totenmarsch. Und dennoch ist für uns dieses Requiem als Abschluss nötig, weil der leise Wandel uns nicht beigebracht wurde.«“

Der „Säkulumscluster“ – die Träume der 30.000

„»Unser Cluster, also der, den Helene aufgespürt hat, ist der größte jemals gefundene. Man nennt ihn: den Säkulumscluster.« »Davon bin ich unterrichtet«, sagte Hans ruhig. »Nun gut. Der gesamte Cluster träumt von einem einzigen kleinen Dorf. Über 30 000 individuelle Träume sind bis jetzt aufgezeichnet worden, und doch hat noch niemand ihn finden können. Und glaub mir, es hat viele Bemühungen in diese Richtung gegeben, denn eines haben wir alle gemeinsam: die unbezwingbare, quälende Intuition, dass es den Weiler wirklich gibt, dass wir ihn keinesfalls erfunden haben, sondern vielmehr entdeckt.« Sie kratzte sich immer wieder heftig ihre dunklen, dichten Locken, so als ob etwas zwischen ihnen nistete. »Ich bin ein wissenschaftlich denkender Mensch, so viel steht fest. Aber erklären kann ich das Ganze freilich auch nicht. Die Übereinstimmung ist – unheimlich. Wirklich unheimlich. Ich habe aus dem Mund Dutzender anderer gehört, was ich in meinen nächtlichen Exkursionen gesehen habe. Ich kann es nur so erklären: Manchmal kann man wissen, dass etwas wahr ist, ohne daran zu glauben.«“

„Es gibt nämlich eine wesentliche Einschränkung. Jeder Träumer, den wir bisher kennen, träumt nur von einem winzigen Ausschnitt. Jeder kennt nur ein paar Quadratmeter, vielleicht ein oder zwei Zimmer, und jeder von ihnen ist gezwungen, dieselbe repetitive Tätigkeit zu verrichten. Jede Nacht wieder und wieder geschieht uns das. Das heißt, um den Weiler überhaupt als solchen zu begreifen, muss man die Erzählungen hunderter Menschen wie Flickenteppiche zusammennähen. Und du kannst dir sicher denken, dass man nicht jeden Träumer gefunden hat und somit der größte Teil dieser Landkarte weiß ist.«“

Güçyeter, Dinçer, and mikrotext. Unser Deutschlandmärchen : Roman. 2022. (Hörbuch)

Richard, Laurent, et al. Die Akte Pegasus : wie die Spionagesoftware Privatsphäre, Pressefreiheit und Demokratie attackiert. Deutsche Erstausgabe, 2023. (Hörbuch Argon 2023)

Wulf, Andrea, and Hainer Kober. Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. 2018. (Hörbuch Der Hörverlag 2016)

Gee, Henry, et al. Eine (sehr) kurze Geschichte des Lebens. 1. Auflage, 2021. (Hörbuch SAGA Egmont 2021)

Mbougar Sarr, Mohamed, et al. Die geheimste Erinnerung der Menschen : Roman. 1. Auflage, 2022.

Vergangenheit – Gefängnis – Rückkehr

„Um das Absolute zu erreichen, löscht er sein Gedächtnis. Es genügt aber nicht, etwas auszulöschen, um es zu zerstören, denn dieser Mensch, ob es sich um den blutrünstigen König aus dem Roman oder um Madag handelt, hatte eines vergessen: Die Seelen, die behaupten, der Vergangenheit zu entfliehen, laufen ihr in Wirklichkeit hinterher und holen sie letzten Endes irgendwann in ihrer Zukunft ein. Die Vergangenheit hat Zeit. Sie wartet stets geduldig an der Schnittstelle mit der Zukunft, und genau dort öffnet sie dem Menschen, der sich einbildete, ihr entflohen zu sein, sein wahres Gefängnis mit fünf Zellen: der Unsterblichkeit der Toten, der Fortdauer des Vergessenen, der Schuld als Schicksal, der Einsamkeit als ständiger Begleiter und dem heilsamen Fluch der Liebe. Nach all den Jahren auf der Flucht hat Madag dies begriffen. Er hat begriffen, dass er mit Das Labyrinth des Unmenschlichen nicht nur der Vergangenheit kein Ende setzte, sondern dass ihn das Buch sogar wieder dorthin brachte. Deshalb kam er hierher zurück. Das zumindest ist deine Interpretation. Du hast das Buch wieder zugeklappt und einen müden Blick auf den ins Dunkel gehüllten Friedhof geworfen.“

2022

El Ouassil, Samira, et al. Erzählende Affen : Mythen, Lügen, Utopien – wie Geschichten unser Leben bestimmen | Vom Patriarchat bis zur Klimakrise: Narrative prägen die Welt. 1. Auflage, 2022. (Hörbuch Hierax Medien 2021)

Roßbacher, Verena, et al. Mon Chéri und unsere demolierten Seelen : Roman. 2022.

Steinfest, Heinrich, and Piper Verlag. Der betrunkene Berg : Roman. 2022.

Uhlmann, Thees. Sophia, der Tod und ich : Roman. 5. Auflage, 2015.

Kling, Marc-Uwe. QualityLand : Roman. [Dunkle Edition], 2017.

Eco, Umberto, et al. Verschwörungen : eine Suche nach Mustern. 2021.

Pamuk, Orhan, and Gerhard Meier. Die Nächte der Pest : Roman. 1. Auflage, 2022.

Gluchovskij, Dmitrij Alekseevič, and Franziska Zwerg. Text : Roman. 1. Auflage, 2020.

Precht, Richard David. Liebe : ein unordentliches Gefühl. Originalausg., 4. Aufl., 2009.

Krause, Johannes, et al. Hybris : die Reise der Menschheit : zwischen Aufbruch und Scheitern. 2021.

2021

Hürter, Tobias. Das Zeitalter der Unschärfe : die glänzenden und die dunklen Jahre der Physik 1895-1945. 2021.

Eckhart, Lisa, et al. Omama : Roman. 1. Auflage, 2020.

Fritsch, Valerie. Winters Garten : Roman. 2. Aufl., 2015.

Über die Liebe

„Mit der Liebe bekommt man sein Schicksal zurück. Wir haben wieder ein Ich und ein Du, du und ich. Es wird wieder scharf gestellt auf den einen und den anderen in der Masse, man wird herausgehoben und wieder zu etwas Besonderem. Wir sind im Endspiel. Wir sind die Endgegner. In der Liebe ist man endlich wieder jemand. Ich denke an dich, also bist du.
–Über die Liebe weiß ich nichts.
–Zu lieben ist die einzig angemessene Art zu existieren.“

„Wer liebt, passt sich den Zeitzonen des Geliebten an, steht auf und schläft nach seinen Regeln. Stellt sich nach seinen Gewohnheiten wie eine Uhr. Wartet unaufhörlich, weicht mit Gedanken und Gesten vom eigenen Rhythmus ab, stets dem Störsignal der Zuneigung folgend. Ordnet die Minuten neu. Man richtet sich aus und gliedert sich ein in die Stunden des Gegenübers. Mit der Liebe beginnt eine permanente Anpassungsleistung, die im erlösenden Phänomen der Ähnlichkeit und Nähe mündet.“

Rückkehr

„Damals war er zum ersten Mal, seit er fort in die Stadt gegangen war, wieder in den Garten zurückgekehrt, wo sich wie stets die starke Liebe und der übermächtige Tod gegenüberstanden. Öfter als ihm lieb gewesen war, hatte er an die Begegnung gedacht. Er erinnerte sich, als wäre es gestern gewesen. Der Hof. Die Blumenbeete, aus denen man mit Küchenmessern die Lilien schnitt und zu großen Kränzen wand. Der Weihrauch, der wie ein Nebel über den letzten grünen Blättern lag. Die Bauern mit ihren runden Köpfen und tiefen Tränensäcken, die Bleiche des Himmels über ihnen. Die Stille der Andacht und das Dröhnen der Hunderte Schritte der Trauernden. Der Sarg des Vaters wie ein hölzerner Geigenkasten. Das Futteral aus öligem, schwarzem Samt. Die Himbeersträucher. Die winzigen Kreuze am Zaun aus grünspanigem Schmiedeeisen im hintersten Teil des Gartens, der ihnen längst ein kleiner Friedhof geworden war, ein uralter Gottesacker, in dem sie die Toten als Saat zum Schlafen niederlegten. Der von bloßen Schritten geebnete Pfad dorthin, aufgebrochen an mancher Stelle von den armdicken Wurzeln der Bäume. Das Lichthäuschen und die Weihwasserschalen in den Händen der Frauen, die die Prozession anführten. Die alten Weiber in ihrer schwarzen Witwentracht, die Strumpfhosen an den Knien aufgerissen von den rauen Kirchenbänken. Die fragend geneigten Köpfe der Kinder, die zwischen den reglosen Erwachsenen mit glasigen Augen auf ihre Finger und jede Fliege, auf alles, was sich bewegte, starrten. Da hatten sie gestanden, all die Menschen aus seinem früheren Leben, immer noch melancholische Narren mit von der Zeit verlittenen Gesichtern, die alt gewordenen Hunde neben sich mit ihren Schnauzen weiß wie Schnee. Da hatten sie gestanden an diesem Herbsttag inmitten des Gartens, der seine Bewohner formte und ihnen allen die Seelen schliff wie eine Naturgewalt, bis sie einander ähnlich sahen. In der Ferne die bitterkalten Berge und Wolken rasend schnell über den Gipfeln.“

Ḫalīfa, Ḫālid, et al. Der Tod ist ein mühseliges Geschäft : Roman. 1. Auflage, 2018.

Odell, Jenny, et al. Nichts tun : die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen. 2021.

Zeh, Juli, et al. Über Menschen : Roman. 1. Auflage, 2021.

Zeh, Juli, et al. Unterleuten : Roman. 1. Auflage, 2016.

Osipov, Maksim Aleksandrovič, and Birgit Veit. Kilometer 101 : Skizzen und Geschichten. 2021.

Anselm, Doris, et al. Hautfreundin : eine sexuelle Biografie : Roman. 1. Auflage, 2019.

Anselm, Doris, et al. Und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus : Erzählungen. 1. Auflage, 2017.

Orth, Stephan, et al. Couchsurfing in China : durch die Wohnzimmer der neuen Supermacht. 2019.

Schuberth, Richard, and Drava Verlag – Založba Drava GmbH. Bus nach Bingöl : Roman. 2020.

Elsberg, Marc, and Marcus Rafelsberger. Der Fall des Präsidenten : Thriller. 1. Auflage, 2021.

Highsmith, Patricia, and Melanie Walz. Zwei Fremde im Zug : Roman. 2003.

Dai, Sijie, et al. Balzac und die kleine chinesische Schneiderin. 2010.

2020

Harari, Yuval Noaḥ Eine kurze Geschichte der Menschheit. 1. Aufl., 2013.

Zabužko, Oksana Stefanivna, and Alexander Kratochvil. Museum der vergessenen Geheimnisse : Roman. 2012.

Maljartschuk, Tanja, et al. Blauwal der Erinnerung : Roman. 1. Auflage, 2019.

Adler, Helena, et al. Die Infantin trägt den Scheitel links : Roman. 2020.