(2) Ins Cadore


Welch schöne Fahrt!

Beim Frühstück im Gästehaus des Interregio Cultural Center Gustav Mahler über die Geschichte dieses einzigartigen Baukomplexes recherchiert.

Wir starten bei Minusgraden, aber mit blauem Himmel und Sonne. Die erste große Überraschung: Vor lauter Schnee haben wir Schwierigkeiten, den Fahrradweg zu finden.

Tag 2
65 km, Pass Cimabanche 1530m, Fahrradwege, tw. SS51 „Alemagna“

Wir folgen der Rienz bergauf in Richtung Schluderbach, vorbei am Toblacher See. Hier beginnt die Trasse der ehemaligen Dolomitenbahn (auch Ampezzer Bahn), die ab 1921 Cortina d’Ampezzo zu einem mondänen Urlaubsort der Reichen und Schönen gemacht hat, ehe 1962 bzw. 1964 der Autoboom der Bahnstrecke ein Ende bereitet hat – ein weiteres Beispiel, wie die Autoseuche unsere Landschaften prägt und verändert. Nebenan die Strada Statale 51 di Alemagna.

Wie auch der Krieg: Die Bahn ist Produkt des ersten Weltkriegs, weil hier rund ums „Gemärk“ die „Alpenfront“ verlief. Sie sollte den Nachschub liefern (was sie auch aktuell in der Ukraine noch tut – so wenig ändern sich die Zeiten), und zwar auf beiden Seiten. Sowohl die Österreicher, als auch die Italiener bauten an der Bahn, wenn auch mit unterschiedlichen Spurweiten und ohne Verbindung der beiden Stücke. Die gab es erst 1921.

Diesem Krieg begegnen wir bald wieder, an der Nasswand. Dort befindet sich ein denkmalgeschützter Soldatenfriedhof; ursprünglicher Lieferant war ein Lazarett der k.u.k.-Armee, später – in den Dreißiger Jahren – kamen durch „Umbettungen“ weitere Überreste von Gefallenen aller möglichen Nationalitäten aus den Friedhöfen der Umgegend zu Besuch, nach dem sinnlosen Sterben eine späte Party der europäischen Völker.

Die Deutschen aber durften nicht dran teilnehmen, sie mussten „heim ins Reich“: postmortale Optanten gewissermaßen.

Kurz vor dem wunderschönen Dürrensee schauen wir mal kurz nach links. Nein, keine Inszenierung des Tourismusvereins, nicht Augmented Reality, alles echt: die drei Zinnen. Als erste Frau bestieg Anna Ploner, Tochter des Wirtens „Beim Schluderbacher“ schon 1874 die Große Zinne. Weiter geht es – schneebedingt auf der regulären Straße! – zum „Gemärk“ (Passo Cimabanche, 1530m) und damit von Südtirol ins Belluno.

Die Abfahrt Richtung Cortina beginnt, rechts die Hohe Gaisl (3140m), links der Cristallo (3221m).

Die Hohe Gaisl

Dieser Berg spielt in der Sagenwelt der Fanes eine Rolle. Sein rotes Leuchten bestätigt die hohe Herkunft Moltinas. Als sie an der Hand des Jägers Abschied von den Murmeltieren ihrer Bergwelt nimmt, heißt es:

„Die Aguana [Wassergottheit] umarmte das Mädchen, Moltina lachte und weinte, die Murmeltiere pfiffen, plötzlich leuchtete der Berg rot. Die Aguana trocknete ihr die Tränen aus dem Gesicht, zeigte auf die Hohe Gaisl und sagte: Hüte dich bei den Menschen vor Schmerz und Leid. Berge und Wasser haben Teil an dem, was dir widerfährt. Wenn Berge und Wasser leiden, stürzen sie sich auf die Menschen. Moltina schaute auf, sah die Hohe Gaisl rot leuchten.“

Der Name des Orts, der vor uns liegt, Cortina d’Ampezzo (ladinisch Anpëz oder Anpezo, deutsch Hayden) wurde durch Mussolini verordnet, ebenso wie die Einführung der „Option“ 1940 in Abstimmung mit dem Deutschen Reich (sonst nur in Tirol) – allerdings ohne große Wirkung.

Irgendwie ein spannender Ort, bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts ladinischsprachig. Die Regules bildeten seit langobardischer Zeit ein Netzwerk der Selbstverwaltung, das von den Herrschern immer wieder bestätigt wurde (z.B. Maximilian 1511). Anpez war fränkischer, freisingischer, venezianischer und dann wieder österreichischer Besitz. Noch nach dem Ersten Weltkrieg gab es eine Volksabstimmung für den Verbleib bei Tirol und Österreich, nach 1945 Petitionen für den Anschluss an Südtirol.

Regole d’Ampezzo waren ursprünglich eine

Zitat

(Wikipedia)

Hier wurde der erste Konsumverein Südtirols 1893 als „Consumverein Ampezzo“ gegründet. Bei Cortina denkt man auch an: Treffpunkt des internationalen Adels, der Größen des italienischen Faschismus, an eine Wiege von Wintersport und Bergsteigerei (Angelo Dibona), an Weltmeisterschaften, olympische Winterspiele (die nächsten 2026), Filme (James Bond „In tödlicher Mission„) und an den Ford Cortina.

Aber: Für uns ist mal das Mittagessen angesagt. Bei der Einfahrt nach Cortina zweigen wir zur „Dolomiti Lodge Alvera“ ab. Ein Blick in die Speisekarte zeigt uns, dass wir hier nobel und teuer essen werden – allein das Gedeck 5 Euro. Wir bescheiden uns, essen eine schöne Käseplatte, Kartoffel und einen gemischten Salat zu zweit und kommen mit 70 Euro davon. Hatte die englische Speisekarte vielleicht höhere Preise?

Das Tal der Boite liegt jetzt vor uns, umrahmt von den Ampezzer Dolomiten rechts und der Marmarole-Gruppe links – ein wunderbarer Anblick bei Sonne und blauem Himmel. Und es geht bergab! Nach einigen Irrungen und Abzweigungen in wanderwegartige „Radwege“ finden wir zurück auf die Bahntrasse – das macht richtig Spaß. Nach einem obligaten Stopp beim Bahnhof San Vito di Cadore genehmigen wir uns Kaffee, Kekse und Tiramisu in Venas. Rechts und tief unten fließt der Boite auf den Piave zu.

In Pieve di Cadore, dem Zentralort des Cadore, haben wir eine Unterkunft reserviert. Alte Besiedlung aus vorrömischer Zeit und später unter dem Einfluss Aquileas (bis 1420), danach Venedigs. 1348 gab sich die Magnifica Communità di Cadore ein Statut. Geburtsort Tizians, angebliches Geburtshaus, aber nur ein einziges Gemälde unter Mitarbeit des Meisters vor Ort, in der Kirche.

„Die Dolomiten bei Pieve hatten zeitlebens einen starken Einfluss auf Tizian. Anders als bei den meisten bedeutenden venezianischen Künstlern macht sich bei ihm daher ein starker sogenannter „kontinentaler“ Einfluss bemerkbar, welcher zu einem für venezianische Verhältnisse sehr plastischen Stil führte.“

(Wikipedia)

Die Unterkunft, Dimora al Bivacco, ist ein echtes Designerding. Der Hausherr führt uns über weiße Treppen ins Untergeschoß, vorbei antiken hölzernen Zielscheiben, einem schmucken Billardtisch und einem tönernen Weinregal (ohne Inhalt). Der Boden aus weiß lasierten Bodendielen, selbst die Nachttischlampen Designerstücke.

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