(1) Der Pragser Wildsee


Wir schreiben den 5.April, Schönwetter, aber sehr kalt. Nach der Ankunft in Toblach und dem Einchecken im Euregio Kulturzentrum Toblach geht sich grad noch eine kurze Visite des berühmten Sees aus. Wir haben bei den Wetterprognosen von Minusgraden gelesen, sogar von Schneefällen: wie wird das alles am Rad gehen? Wie werden wir zurecht kommen?

Die Sonne macht’s einfacher; gut eingepackt starten wir, zunächst bergab nach Niederdorf (ein kommode Abfahrt), dann ein fordernder Anstieg über Prags und Schmieden, mit einer steileren Rampe am Ende. Schon erscheint das um die Jahrhundertwende (1899) erbaute Hotel, dessen Bau schon damals von Naturschützern erfolglos bekämpft wurde. Heute macht es doch einen stattlichen, durch Alterung ehrwürdigen Eindruck.

Das Zeitgeschichtsarchiv im Hotel erzählt von der Befreiung von prominenten SS-Häftlingen in Niederdorf im April 1945 durch einen Trupp der Wehrmacht und deren Unterbringung im Hotel Pragser Wildsee. Diese sollten als Geiseln für etwaige Verhandlungen mit den Alliierten verwendet werden.

Der See begrüßt uns mit Niedrigwasser und ist zu einem guten Teil ausgetrocknet, zum anderen vereist; das Restaurant hat geschlossen – also nichts mit einer wärmenden Suppe! Die beschworene Idylle lässt auf sich warten, es ist schlicht zu kalt…

Am Südende des Sees grüßt die ladinische Feen- und Sagenwelt der Fanes. Nach der Überlieferung soll sich am Sass dla Porta (Torberg) ein Eingang zur unterirdischen Faneswelt befinden. Dorthin mussten sich Königin und Fanesleute zu ihren Murmeltieren nach dem verlorenen Widerstand gegen das patriarchale Prinzip zurückziehen.

Denn die vermeintlich unbesiegbare Königstochter Dolasilla wurde durch die List des Zauberers Spina de Mul im Kampf gegen die macht- und geldgierigen Männer ihrer Familie (Wappentier: Adler) getötet. Der korrupte Vater, der seine Tochter um Goldes willen verraten hat, sitzt am Lagazuoi und wartet auf seine Belohnung, vergeblich. Als er – der „falsche König“ (falza rego) – das von ihm verursachte Unglück seiner Familie erkennt, verwandelt er sich in einen Stein, den man am Falzarego-Pass noch sehen kann.

„Die letzten Überlebenden der Fanes werden von der alten Königin ins unterirdische Reich der Murmeltiere in Sicherheit gebracht. Dort nimmt Luyanta sie auf, Dolasillas Zwillingsschwester, und da warten nun alle zusammen auf die „verheißene Zeit“ […], wo das Reich in Frieden und Freude wieder auferstehen soll. […] Nur einmal im Jahr, so berichtet die traditionelle Überlieferung, fährt in einer Neumondnacht ein Boot durch ein verborgenes Tor am Seekofel auf den Pragser Wildsee hinaus […]. Im Boot sitzen die Faneskönigin und ihre Tochter, einmal als Dolasilla, dann wieder als Luyanta bezeichnet; die beiden horchen in die Nacht hinaus, ob nicht das Zeichen ertönt, das die „verheißene Zeit“ ankündigt. Aber sie werden diese nächtliche Bootsfahrt wohl noch sehr oft machen müssen, heißt es.“

Die Frauen aus Fanis: Geschichten aus der Sagenwelt der Dolomiten (HAYMON TASCHENBUCH) von Anita Pichler
Mehr zu den Frauen der Fanis

Von Anita Pichler, die selbst aus dem Ladinischen stammte, gibt es atemberaubend schöne Nachempfindungen der ladinischen Mythenwelt der „Fanes“. In dreizehn Erzählungen stellt sie die wichtigsten Frauenfiguren dieser untergegangenen Welt vor. Hier der Beginn der Geschichte von Tanna, der sagenhaften Muttergestalt:

„Tanna war die Königin der Croderes. Ihr Kopf ragte weit in die Sonne, bis er sich erwärmte; das Eishaar schmolz und rann, grub Täler in die Erde. Gräser keimten auf und Blumen. Alles an Tanna wucherte und roch, wuchs in sie hinein und lebte, bis Tannas Herz zu schlagen begann, bis der Wind sich in ihren Bäumen verfing und sie atmete, die Glieder reckte, bis sie die Arme ausstreckte und ihre steinernen Geschwister umarmte. Die Croderes ringsum schüttelten ihre warmen Hände fort, und Tanna wurde traurig, denn sie war allein mit ihrem Herzen. Tanna bat die Sonne um andere Lebewesen, und die Sonne borgte ihr die Wärme. Tanna nahm von ihren weißen Schultern den Schnee und formte die Murmeltiere. Sie verbeugten sich vor der Sonne, und ihr Fell färbte sich rot. Tanna nahm Erde von ihren Hüften und aus ihrem Schoß und schuf die Menschen, hielt sie der Sonne entgegen, sie begannen zu atmen und lebten. Tanna strahlte, und an ihrer Stirn strahlte ein kleiner blauer Stein, die Rajeta, denn Tanna war die Königin der Croderes.“

Im Vorwort heißt es:

„Es sind Geschichten von der Zeit vor der Zeit und von einem Ort vor dem Ort, den sie benennen. Sie erzählen das Immergleiche, was alle Geschichten erzählen: Sie erzählen vom Werden und Vergehen, von Erde, Wasser, Wind und Feuer. Sie erzählen von der Materie, der Urmutter Tanna; von Samblana und Kelina, die über das Werden und den Verlust der Formen des Lebens entscheiden; sie erzählen von den Elementen: von Dindia, dem Wind, dem Spiel der Verfolgung, von Sexualität und Macht. Sie erzählen vom Umgang mit den Elementen, der Kultur, von Somawida, die Feuer ist, Erz. Sie erzählen von Tsikuta, der Wahrnehmung der Zeit, der Geschichte; sie erzählen von der Gründung eines Reiches, von Kämpfen, Siegen und Niederlagen und von der Auflösung, vom Vergessen und Verschwinden dieser Wirklichkeit. Am Ende steht bloß noch ein Sonnenstrahl, Sorejina, die Zeit nach der Zeit, ein Beginn.“

Pichler, Anita. Die Frauen aus Fanis : Geschichten aus der Sagenwelt der Dolomiten.

Hunger und der einbrechende Abend mahnen zur Rückkehr. Nach einer rauschenden Talfahrt Einkehr bei der Pizzeria Hans in Toblach – große Empfehlung!

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