Die Kulturrevolution und Balsac


Die Geschichte „Balsac und die kleine chinesische Schneiderin“ – gefunden über einen Tipp von Ö1 – erzählt von der Wirkmächtigkeit von (klassischer westlicher) Literatur in dunklen Zeiten autoritärer Unterdrückung. Hier durch die „Kulturrevolution“, angefacht durch die Kommunistische Partei. Das wohl zum Teil autobiografische Buch ist schon zwanzig Jahre alt und damit selbst in zweifacher Hinsicht Geschichte. Geschrieben in Frankreich, wohin der Autor 1984 emigrierte, blickt die Erzählung auf eine Zeit und politische Verhältnisse zurück, die selbst von der chinesischen Führung als längst überwunden angesehen werden, erinnert doch das Schicksal des Ich-Erzählers kurioserweise ein wenig an das kolportierte von Xi Jinping.

Gefahrlos und mit einem Anflug von Sentimentalität des alternden Mannes wird erzählt, wie die Lektüre verbotener westlicher Literatur eine ungeahnte Sprengkraft entwickelt, die Verhältnisse im Dorf durcheinander wirbelt und in die Lebenswege der Protagonisten eingreift. Liebesgeschichte mit der Schönheit des Bergdorfs inklusive.

Sentimental kann der saturierte Westeuropäer auf Zeiten zurückblicken, wo das Lesen von Büchern noch staatsgefährend sein konnte und zugleich befreiend. So habe ich die latente Unbotmäßigkeit der Schriftstellerei etwa in der DDR erlebt. Die Worte von Biermann, Christa Wolf, Volker Braun und anderen hatten Bedeutung und Gewicht, gaben Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Die Schlusspointe der Geschichte von der kleinen Schneiderin ist, dass die erwachte „Berglerin“ ihren männlichen Erweckern in eine „große Stadt“ entflieht, also die Lektion der Lektüre praktisch gelernt hat.