Die romantische Blick, der uns für den „Langen Marsch“, die „Kulturrevolution“ und „Barfußärzte“ begeisterte, ist längst dahin. Das chinesische Sprichwort von den Frauen als der „Häfte des Himmels“ fand 1973 in Gestalt eines Buchs in unseren Reihen große Resonanz, passte perfekt in den Geist der Zeit.
Heute schließt das „kommunistische“ Einparteiensystem erfolgreich an die Tradition des Reichs der Mitte an, tritt mit der Arroganz einer Supermacht auf, beansprucht seinen Platz in der Welt. Der „Dicke mit der Warze“ (Degenhart) tritt ein in die Reihe der großen Kaiser, Xi Jinping ist sein logischer Nachfolger, Herrscher auf Lebenszeit. Der Rückgriff auf die – immer wieder je nach Bedarf neu geschriebene – Geschichte der eigenen Größe hat in diesen Zeiten Saison, am Bosporus, an den Ufern der Moskva, in London, in Peking. Konfuzius, in der Kulturrevolution „kritisiert“, ist wieder da, auch als Export in Gestalt von „Konfuzius-Instituten“ rund um die Welt. China ist zurück:
Um das Jahr 1800, als in Europa die Industrialisierung gerade Flügel bekam, lebte die Hälfte der Weltbevölkerung in Asien, und damals wurde dort auch die Hälfte der Wirtschaftsleistung erbracht. Um 1900 schon war Asiens Anteil an der Weltwirtschaft auf nur noch ein Fünftel gesunken, eben wegen Europas neuem Vorsprung durch Technik. Der Harvard-Forscher Joseph Nye […] schlägt deshalb vor, nicht immerfort von einem Aufstieg Asiens und Chinas zu reden, sondern schlicht von deren Rückkehr.
N.N.: Die sanfte Macht. SPIEGEL 4/2021, https://l.spiegel.de/gqK8f5tZ
Der aktuelle SPIEGEL widmet dem Erstarken Chinas – wieder sichtbar geworden durch die erfolgreiche Bekämpfung des Corona-Virus – seine Titelgeschichte von Bernhard Zand.
Je besser China die Seuche in den Griff bekam und je weiter sich die Lage in anderen Ländern verschlechterte, desto herrischer und herablassender wurden die Kommentare aus Peking. »In diesem Kampf gegen die Pandemie wird es siegreiche und besiegte Mächte geben«, sagte der prominente Oberst a. D. Wang Xiangsui. »Wir sind eine Siegermacht, während die USA im Schlamm stecken.«
[…]
Doch so eindrucksvoll diese Erfolge sind, so heftig ist der Rückstoß, den Chinas überbordendes Selbstbewusstsein ausgelöst hat. Mehrere Meinungsumfragen dokumentieren einen dramatischen Ansehensverlust des Landes und seiner politischen Führung, vor allem in den industrialisierten Staaten. Zum Teil sanken die Imagewerte Chinas und die Zustimmungsraten für Staatschef Xi um zweistellige Prozentpunkte.
[…]
China hat erst gewonnen, wenn sich Amerika verloren gibt.
Bernhard Zand: Im Höhenrausch. SPIEGEL 4/2021. https://l.spiegel.de/0mhahToe
