Am Tagliamento


Unsere abenteuerliche Fahrt am Tagliamento 28.4. – 1.5.2023

Nun, es war ein schneller Entschluss, bei der von Axel und Andy geführten Tour teilzunehmen, obwohl schon länger die Idee, sich wieder einmal aufs Wasser zu begeben, im Kopf umhergeistert. Nach einer schwierigen und unfallträchtigen Fahrt auf der hochwasserführenden Drau im Mai 2021 war das Kanu für zwei Jahre eingemottet.

Tag 1

In der Drau bei Kleblach stand das Wasser bis hart ans Ufer, zahlreiche Äste reichten in den Fluss, die Fließgeschwindigkeit war hoch, die wenigen Kehrwasser schwierig anzufahren. Nach einigen Kenterungen schwindet das Selbstvertrauen gegen Null.

Da kommt dieser Paddelkurs gerade recht. Eine kleine Gruppe, erfahrene und technisch versierte Guides, die mit Tagliamento gut vertraut sind, Outdoor-Freaks – das ist die solide Basis für ein schönes Wochenende am Wasser. Die Wettervorhersagen sind mies, es regnet bei der Hinfahrt. Wir suchen uns eine Brücke zum Einbooten, an die man gut mit dem Auto herankommen kann. Die präszise Logistik startet, Autoüberstellungen, die Boote aus Ufer bringen und bereit machen, zwei Stunden vergehen mal ganz locker. Checks: Wie viel Wasser werden wir brauchen? Wer nimmt einen Kocher mit? Elektrische Luftpumpen werden herumgereicht. Währenddessen fahren drei Leute nach Latisana (und kehren mit Berichten über ausgezeichnetes italienisches Gelato zurück).

Die Einstiegstelle wird erst bei der Anfahrt endgültig nach der Abschätzung aller möglichen Parameter festgelegt; gut, wenn man den Fluss schon kennt. Wir starten an der Fella oberhalb der Einmündung des Tagliamento; die führt deutlich mehr Wasser.

46.380156, 13.124603

Andy sucht noch was im Kanu, keine ganz einfache Übung. Stephan, der es auf sich genommen hat, mit mir im 4-Personen-Boot Grabner Adventure zu fahren, übernimmt den Steuermann, so dass ich langsam wieder mit dem trägen „Dampfer“ vertraut werden kann. Nach kurzen technischen Einführungen über die Aufgaben im Kanu starten wir ins Abenteuer.

Welch faszinierend schönes Wasser! Wenn auch immer wieder Zweifel aufkommen, ob wir genug davon haben werden. Wasserstandsdaten geben einen Anhaltspunkt, Venzone -10 ist ein noch akzeptabler Wert, lerne ich, obzwar mir unklar ist, wie man auf Negativwasser fahren kann 😉

Der Regen lässt nach, die Einmüdung des Tagliamento geschafft. Noch habe ich Bedenken, was unsere Fahrt betrifft, habe ich doch beim Steve von einigen herausfordernden Hindernissen gelesen… Das Lesen des Flusses will auch noch gelernt werden, unser Kahn ist schwer beladen und hat ordentlichen Tiefgang.

Bei einer stärkenden Kaffeepause stellt sich heraus, dass wir nur einen validen Gaskocher haben. Die große Espressokanne macht’s wieder wett. Meine türkische Kanne wird erst später in Verwendung kommen. (Man beachte den rosa Löffel!) Neben uns der Bunker aus alter, hoffentlich vergangener Zeit. Der Regen hat sich gelegt, wir sind guter Dinge.

Etwas unter Venzone richten wir gegen 17 Uhr unseren Schlafplatz ein. Raus aus dem Neopren! Ran ans Feuermachen und Gemüseschnipseln, Stephan und ich sind dran mit dem heutigen Abendessen; über meine Vegeta-Würze wird gelästert – aber alle haben Hunger, nichts bleibt im Topf übrig. Jetzt wäre Musik angesagt – niemand hat an Lautsprecher gedacht.

46.329464, 13.124217

Fotos Tag 1

Tag 2

Der Tag am „Geierfelsen“ beginnt mit einem schönen Morgenrot und damit, dass ich den Kocher nicht finden kann. Ohne Kaffee geht nichts und weil noch niemand ansprechbar ist, geht es also ans Feuer machen.

Axel und Andy bereiten unser erstes Frühstück: Eierspeise mit 3,75 Eiern pro Person, dazu frisch auf Stein zu neuem Leben erweckte Baguettes – der Tag kann kommen.

Bevor es weiter gehen kann, gibt es noch Unterweisungen betreffend das Erkennen und richtige Einfahren in ein Kehrwasser, ganz ohne Video, Powerpoint oder Papier und Bleistift. Aber sehr anschaulich; endlich wird mir der Dampfer vertrauter und ich denke, dass sich das Ding auch wirklich steuern lässt. Nach einer geruhsamen Fahrt das erste richtige Hindernis, die Presa di Ospedaletto.

„Bei Niedrigwasser lässt sich das Hindernis nicht umfahren. In diesem Fall bleibt einem nichts anderes übrig als in den Wehrkanal einzufahren. Vor der Wehrkrone kann man rechts anlanden und ins alte Flussbett überheben. Abschließend bleibt zu sagen, dass nur jene Paddler in den Wehrkanal einfahren sollen, die ihr Boot 100 % im Griff haben“, sagt Steve.

https://www.flusswandern.at/tagliamento/

(c) Andreas Stiasny

Nun ja, so wild war’s dann doch nicht. Wir mussten nur mit vereinten Kräften die Boote über die Rampe ins alte Flussbett übertragen. Bezeichnenderweise gibt es dazu kein Foto. Nach einer Kaffeepause (wir sind ja auf Urlaub!) geht es weiter zur nächsten Sohlschwelle bei der Ponte di Braulins, wo wir – da der Wasserstand zu gering ist, stecken bleiben und Stephan uns wieder einmal aus der Patsche hilft.

Gleich darauf das fette Hindernis, drei Betonschwellen bei der Autobahnbrücke A23. Steve: „Dieses Hindernis ist absolut unfahrbar.“ Na ja, Andy und Axel wollen es wissen und stürzen sich in die Fluten. Wir anderen lupfen die Boote über die letzte, große Schwelle. Niemand und auch kein Boot geht verloren.

Danach, bei der nächsten Schwelle, sind wir etwas unvorsichtig und köpfeln wir ins Wasser. Zum Glück haben wir unser Zeugs gut verstaut, was aber nicht verhindert, dass wir Wasser in einige Säcke bekommen. Die Lehre: Gut verstauen ist Pflicht, billige Säcke sind zu vergessen, wenn es drauf ankommt. Und bitte bei einer einigermaßen hohen Sohlschwelle nicht nach vorne lehnen und aufhören zu paddeln!

Wir haben uns eine kleine Jause verdient. Und Sonnenscreme auftragen kann auch nicht schaden, schließlich hat sich das Wetter einsichtig gezeigt und uns mit Sonne beschenkt. Bei der Weiterfahrt verzweigt sich der Tagliamento immer wieder und es ist schon eine Wissenschaft, den richtigen Arm zu erwischen.

Freunde erwischen den falschen und müssen eine Stunde lang treideln. Auch wir (genauer meist Stephan) müssen öfters aussteigen. Stephan und ich tauschen die Plätze; es geht mir einigermaßen gut in der neuen Rolle. Nur bin ich zu wenig durchsetzungsfreudig, meint Stephan.

Die Folgen unseres Wasserkontakts: Stephan trocknet seine Scheinchen, ich mein Zelt. Und da ich merkte, dass das Wasser durchaus Badetemperatur hat, gibt es ein kurzes, diesmal gewolltes Bad im Tagliamento. Am Abend gibt es Spaghetti (mit der sagenhaften Würze „Mama Italia“) von Hugo und Ulli.

Dank eingekühlter Bierdosen stellt Axel einen raschen Anstieg des Wasserspiegels fest, 30 cm innerhalb weniger Stunden. Andy erklärt ausführlich und sichtlich gerne, dass abgesehen von Witterung und Schneeschmelze die Stromproduktion (getriggert durch Strommarktpreise) Einfluss auf den aktuellen Pegel hat.

In Forni di Sopra wird ein Teil des Wassers abgezweigt, in einen See (Lago di Cavazzo) geleitet und von dort je nach Bedarf zur Stromproduktion in den Fluss abgelassen. Da das Wasser bedrohlich steigt, setzen wir Marken und stellen Wecker… aber am Morgen ist der Pegel wieder dort, wo er nachmittags war.

Unser Lagerplatz, 46.230547, 13.038597.

Fotos Tag 2

Tag 3

Der Morgen beginnt mit mildem Licht und vielen Wolken, am Himmel kreisen dutzende Geier. Es gibt wunderbares Poridge mit frischen Früchten zum Frühstück, diesmal von Marion und Thomas.

Der Tagliamento wird flacher, gemütlicher, ereignisloser, die Zuflüsse, v.a. der der Ledra auf der linken Seite, sorgen für zusätzlich Wasser. Genug Gelegenheiten, Kehrwasserfahren und Seilfähre zu üben, das Wasser zu „lesen“.

Irgendwann taucht dann die Engstelle mit der Pinzano-Brücke auf. Dahinter liegt Ragogna und unser Mittagessen.

Nach der Einrichtung des Zeltplatzes wird beschlossen, noch einen Ausflug nach Dignano zu machen. Die Autos werden umgestellt.

In der Tattoria „Al Vecjo Traghèt“ gibt’s friulanische Küche, unser erstes „richtiges“ Essen. Und einen Bierautomaten. Der Name des Lokals verweist auf einen alten Übergang mit einer Fähre. Überhaupt: Ein spannender Ort.

Die Brücke von Dignano. Ausbooten direkt nach der Brücke, linke Seite (46.084083, 12.930075). Unterhalb von Dignano zeigt der Tagliamento Neigung, ins Unterirdische zu entschwinden.

Nach der Rückkehr in Ragogna noch ein, zwei Biere (400ml!), dann fassen Stephan und ich den Entschluss, zur Brücke zu gehen und mal die Aussicht zu genießen…

Da liegt uns nun der wunderschöne Tagliamento zu Füßen, auf der anderen Seite das flache Land hin zur Mündung. Die Luft ist mild und ein wenig feucht, beinahe könnte man schon das Meer riechen.

Unvermeidlich: Es liegt nahe, dass diese Brücke und die Enge ein strategischer Ort im „Grande Guerra“ gewesen sein muss.

Um das zu unterstreichen, gibt es überall in den Stein gehauene Unterstände, Kanonenstellungen und Wachposten aus jener Zeit. Wir lesen was von „Ossario“ und erklimmen den Fels mit diesem eigenartigen Bau. Und staunen nicht wenig, hier ein halbfertiges Nazi-Bauwerk vorzufinden. Ein „Heldendenkmal“ für die „deutschen“ Gefallenen des Ersten Weltkriegs, errichtet 1939 – 1944.

„Das germanische Beinhaus von Pinzano al Tagliamento (oder germanisches Mausoleum) ist ein unvollendetes Gebäude, das die Überreste von etwa 30.000 deutschen und österreichisch-ungarischen Soldaten sammeln sollte, die während des Ersten Weltkriegs in der Schlacht vom 1. November 1917 starben.

Die Idee stammt aus dem Jahr 1937 auf Geheiß des Reiches von Adolf Hitler, der dank der guten Beziehungen zu Mussolinis faschistischem Italien diese Ländereien kaufen konnte. Die vom Architekten Robert Tischler (der das germanische Mausoleum von Quero fertiggestellt hatte) entworfenen Arbeiten begannen 1939 mit 60 Arbeitern der Firma Marchioro in Thiene. Der ursprüngliche Entwurf zielte darauf ab, eine Reiseroute zu entwickeln, die es dem Besucher ermöglichen könnte, metaphorisch gesprochen das Hinscheiden der Soldatenseele zu sehen. Das Beinhaus hätte den Prognosen zufolge bei einer Höhe von 10 etwa 3.420 Quadratmeter eingenommen, teilweise überdacht und aus Steinblöcken, Verona-Marmor, Beton und Ziegeln zusammengesetzt. Die Arbeiten dauerten 5 Jahre, wurden aber 1944 aufgrund der Ereignisse des Zweiten Weltkriegs unterbrochen.“

https://www.komoot.de/highlight/4091277

Ein letztes Lagerfeuer, eine kleine Jause, Wein und Bier. 46.084083, 12.930075

Und ein letzes Frühstück.

Fotos Tag 3

Tag 4

(c) Andreas Stiasny

Zum Abschluss befahren die Ledra, einen trägen, linksseitigen Zufluss, der nahe Gemona entspringt und über einen kleinen „Wasserfall“ in den Tagliamento mündet.

Und der Teufel schläft nicht; ich mache – mitten im gemütlichen Dahinfahren einen Fehler, ein Ast ist im Weg, wir sind mal wieder nass.

Nach einem Abstecher in Venzone (Konditorei am Platz!) geht es ab nach Hause. Unterwegs erfahren wir, dass eines der abgestellten Autos demoliert worden ist – welch ein bitterer Nachgeschmack einer schönen Tour …

Fotos Tag 4