Nach Padua


Montag, 16.10.2023

Die Wahl fällt dieses Mal auf Padua. Ziemlich unspektakuläre Anfahrt.

Ach, da gibt es auch Berge im Hinterland.

Geradewegs zu Universität, dem Palazzo Bo – der Name ist kurios und stammt vielleicht von einem Gasthaus (Hospitium Bovis), immerhin für die Einrichtung eines studentischen Betriebs sehr passend. 1222 gegründet und noch immer am selben Ort, der Ochse kehrt später dann auch bei der Besichtigung in den Räumen wieder.

Innenhof des Palazzo Bo.

Wir checken uns eine Führung nach kurzer Stärkung mit einem Toast beim Tabakladen um die Ecke. Beim Rundgang bekommen wir nicht nur ein Gefühl für das universitäre Leben im früheren Zeiten, sondern erfahren auch von der ersten Doktorin Europas (Elena Lucrezia Cornaro Piscopia, 1678). Lehren durfte sie allerdings nicht. Zur Universitas iuristarum kam im 14.Jahrhundert die Artistenuniversität (Medizin, Philosophie, Literatur, Grammatik und Rhetorik), die in der Folge vor allem durch ihre medizinische Schule und die viel besuchten Vorlesungen Galileis berühmt wurde.

Der Saal der Medizinischen Fakultät.

Die Verfassung der mittelalterlichen Universität mit dem Leitspruch Universa Universis Patavina Libertas (Allen alle Freiheit Paduas) zeugt vom liberalen Geist, der zur Gründungszeit der Universität herrschte. Viele der Studenten kamen aus Bologna, wo Bischof und Stadtvogt die Ausrichtung der Universität beeinflussten. In Padua hingegen genoss man weitgehende Freiheiten, eigene Gesetze und autonome Gerichtsbarkeit, die Studenten schlossen sich zu einer selbständigen Körperschaft zusammen, die jährlich den Rektor wählte und die Bestellung von Dozenten organisierte. Die große Bedeutung der meist adeligen Studenten aus aller Herren Länder, die in Nationes zusammengefasst wurden, wird auch durch die unzähligen Wappen in den Gängen des Palazzo Bo augenfällig.

Wappenschilde der Studenten aus allen Ländern Europas sieht man an jeder Ecke.

Und wieder schließt sich für mich ein Kreis zur aktuellen Lektüre. Die Gründung fällt in die Zeit von Marsilius von Padua (1285/1290 – 1342/1343), der im Defensor pacis eine erstaunlich moderne Staatstheorie entwickelte und dafür vom Papst Johannes XII exkommuniziert wurde. Das Buch wurde verboten, dessen Besitz konnte die Inquisition auf den Plan rufen und tödlich sein. Dirk Schümer legt dem Papst bei seiner Rede zu Pfingsten 1327 im Dom zu Avignon folgende Worte in den Mund:

„Wer wie der verworfene Marsilius den Primat des Staates über die Kirche behauptet, der liefert diese Welt dem Teufel aus. Der Kaiser soll den Papst absetzen können? Das ist purer Irrsinn! Die Kirche soll dem weltlichen Herrn Steuern zahlen? Die geistliche Gerichtsbarkeit soll abgeschafft werden? Das ist Rebellion gegen Gott! Wer immer ein Exemplar dieses »Defensor Pacis« findet, der muss es verbrennen oder der Inquisition ausliefern, sonst wird er selbst zum Ketzer.“

Was den Bibliothekar Humbert von Alexandria im Roman dazu anspornt, es dennoch abzuschreiben, indem er in die Kopie eines Werks von Thomas von Aquin in jede dritte Zeile den Text des Marsilius einfügt (Steganographie).

Blick zum Altarraum

Bei einem kurzen Snack auf der Suche nach weiterem Futter für Besichtigungen entdecke ich, dass sich hier die Cappella degli Scrovegni befindet und ändere meine Pläne. Eigentlich wollte ich die Basilika des Hl. Antonius, den großen Platz Prato delle Valle und die Stadt durch eine Rundfahrt kennen lernen. Nun ja, daraus wurde nichts, aber die Giotto-Fresken in der Kapelle, obgleich der Aufenthalt auf 15 Minuten beschränkt war, entschädigen reichlich. Natürlich, was man hier sieht, ist grandios restauriert, aber sorgt für einen Wow-Effekt. In nur ganz wenigen Jahren hat Giotto hier ein großartiges Bilderwerk aus biblischen Szenen geschaffen, die doch sehr lebensnah gestaltet sind. Besonders erinnere ich mit an die Kussszene, das Jüngste Gericht, die Ermordung der Kinder, die Darstellung der Tugenden und Sünden (Deseperanza!) sowie die Leuchtkraft des Himmels im Gewölbe. Unvergesslich! Aber: Den Auftraggeber, Enrico Scrovegni, einen reicher Bankier, Kaufmann und Adligen aus Padua, schickte Dante wegen Wuchers in die Hölle. Das lässt wieder mal daran denken, dass Kunst nach Brot geht. Was wir sehen können und bewundern, sind die Verlassenschaften der Reichen, die im Dunkeln sieht man nicht (mehr).

Am Abend Abhängen in Vicenza bei Moplen, gleich neben der Piazza dei Signori – Empfehlung an D. von einem Youngster im Zug („It’s good for young AND old people“). Stimmt.